Ilka Amalie Kunrath
Kind mit Behinderung
"Euthanasie" Opfer
Geb. 20.01.1941 Kottern/Kempten
Kind mit Behinderung
Gest. 26.09.1944 Ermordet in der
Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren
Im Bild: Ilka mit ihrer Mutter und Schwester Maria Elisabeth an Weihnachten 1943 (Bild aus dem Familienarchiv)
Nachname
Kunrath
Vorname
Ilka Amalie
Geburtsdatum
20.01.1941
Geburtsort
Kottern/ Kempten
Todesdatum
26.09.1944
Letzter frei gewählter
Wohnort
Spickelstraße 22, Kempten
Aufnahme in die Heil- und
Pflegeanstalt Kaufbeuren
23.06.1943 Aufnahme in der Anstalt als "Reichsausschusskind" aufgrund ihrer Behinderung, vorläufige "Diagnose": "Dysplasmatischer Schwachsinn, Hydrocephalus internus". Das 2 Jahre und 5 Monate alten Mädchen wird als " nicht vernehmungsfähig" beschrieben und "wiederspricht der Aufnahme nicht"
Untersuchungen
26.07.1943 u.a. Hirnstrommessung (EEG) in Narkose, Ablassen von (Hirn-)Flüssigkeit, Röntgenaufnahmen
Diagnose und Prognose
11.08.1943 Familie erhält den Befund "schwerer innerer Wasserkopf" und die Prognose "recht ungünstig" per Post
Entlassung nach Hause
13.08.1943 Ilka wird auf Wunsch ihrer Mutter zur "Aussenfürsorge" zurück nach Hause entlassen
Anordnung des Gesundheits-
amts Kempten
31.08.1944 Amtsarzt hält die Wiederaufnahme für notwendig wegen "mongoloider Idiotie"
Wiederaufnahme
01.09.1944 erneute Aufnahme in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren
Erkrankung
21.09.1944 Vermerk in der Krankenakte über Blässe, Temperaturanstieg sowie gerötetem Rachen. Es wird von einer leichten Erkältung ausgegangen
Ermordung
26.09.1944 Todesursache laut Anstalt "Lungenentzündung bei Pharyngolaryngitis" (Kehlkopfentzündung). Die Familie wird per Telegramm über Ilkas Tod und den Zeitpunkt der Beerdigung informiert
Sektion
27.09.1944 Sektion des toten Kindes, ohne Zustimmung der Familie
Aktenvermerk
28.09.1944 Eintrag in der Krankenakte, ein durchgeführtet Rachenabstrich war positiv auf Diphteriebazillen (häufig verwendeter Euphemismus für eine Ermordung in der Anstalt)
Beerdigung
29.09.1944 Beisetzung auf dem Anstaltsfriedhof, später Umbettung in ein Kindergrab in Kempten und dann Familiengrab der Eltern
Erinnerungen der Schwester (Maria Elisabeth Wirth):
„Sie war ein hübsches Kind, hatte schöne schwarze Haare. Wenn ich als große Schwester mit anderen Kindern gespielt habe, saß Ilka auch dabei. Sie war ein normaler Teil der Familie. Sie hat einfach nur nicht gesprochen, aber sie war ja auch noch sehr klein. Die Mutter hat vom Backofen immer die Klappe aufgemacht, und dann hat Ilka am liebsten immer mit Spielsachen auf dieser Klappe gespielt. Sie war ein lustiges Kind und hatte ein schönes Lachen.
Meine letzte Erinnerung an Ilka ist das Bild, als sie an der Hand der Pflegerinnen in die Klinik geführt wird und sich nochmal nach mir und der Mutter umdreht. Das war aber für mich nicht mit einem schlimmen, besorgten Gefühl verbunden, denn auch beim letzten Mal kam sie ja wieder zurück zur Familie. Als die Familie dann vom Tod der kleinen Ilka erfuhren, gab es keine Zeit zum Trauern, weil der Krieg und die Not so viel drängendere Themen waren.“
„Ilka wurde zwar in Kaufbeuren beerdigt, später aber in ein Kindergrab auf den Friedhof Kempten verlegt. Später lag sie dann in einem Familiengrab mit den Eltern, das es inzwischen aber nicht mehr gibt“
Biografie
Ilka Amalie Kunrath wurde am 20.01.1941 in Kottern als zweites Kind von Heinrich Kunrath (Kreiskasseninspektor/ Verwaltungsinspektor) und Elisabeth Kunrath, geb, Denig geboren. Gemeinsam mit den Eltern und ihrer älteren Schwester Maria Elisabeth Wirth (geb. Kunrath) wohnte sie in der Spickelstraße 22 in Kempten. Ihre Schwester beschreibt sie folgendermaßen:
„Sie war ein hübsches Kind, hatte schöne schwarze Haare. Wenn ich als große Schwester mit anderen Kindern gespielt habe, saß Ilka auch dabei. Sie war ein normaler Teil der Familie. Sie hat einfach nur nicht gesprochen, aber sie war ja auch noch sehr klein. Die Mutter hat vom Backofen immer die Klappe aufgemacht, und dann hat Ilka am liebsten immer mit Spielsachen auf dieser Klappe gespielt. Sie war ein lustiges Kind und hatte ein schönes Lachen".
Das Gesundheitsamt Kempten meldete Ilka am 03.08.1942 an den "Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingtem schweren Leiden". Am 05.02.1942 erhielt man dort die Mitteilung, dass das Kind in die Kinderfachabteilung der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren eingewiesen wird. Die entstehenden Kosten können ggf. auf Antrag aus Stiftungsmitteln übernommen werden. Bei Schwierigkeiten durch die Eltern, sollen diese in „entsprechender Weise“ auf die geltenden Runderlasse hingewiesen werden.
Anweisung an das Gesundheitsamt Kempten Ilka Amalie Kunrath in die Kinderfachabteilung der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren einzuweisen durch den "Reichsausschuss"
Am 11.06.43 teilt der "Reichsausschuss" der Mutter und dem Anstaltsleiter Dr. Faltlhauser mit, dass die entstehenden Kosten für die nächsten sechs Monate zur Hälfte übernommen werden würden. Am 23.06. bescheinigt die Stadt Kempten der Mutter, dass die Zahlungsfähigkeit und verpflichtet sie zur Kostenübernahme. Der Tagessatz für den Anstaltsaufenthalt betrug 2.- RM.
Ilka Amailie Kunrath wird am 23.06.1943 von ihrer Mutter Elisabeth Kunrath und ihrer Schwester in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren gebracht und als „Reichsausschusskind“ nach dem Reichsausschussverfahren (Euthanasie) aufgenommen. Attestiert wird als vorläufige Diagnose ein „Dysplasmatischer Schwachsinn“ (Hydrocephalus internus).
Das 2 Jahre und 5 Monate alte Mädchen wird als nicht „vernehmungsfähig“ beschrieben und „widerspricht der Aufnahme nicht“. Der Mutter Elisabeth Kunrath wird ein Merkblatt über die Unfruchtbarmachung ausgehändigt. Ein entsprechender Antrag zur Unfruchtbarmachung ist nicht vermerkt.
Zwischen dem 26.07 und dem 13.08.1943 werden zahlreiche Untersuchungen und Behandlungen in Ilkas Krankenakte vermerkt, Darunter z.B. Enzephalografie (EEG/Hirnstromuntersuchung) unter Narkose mit Evipan, das Ablassen von (Hirn-) Flüssigkeit sowie Röntgenaufnahmen.
Oben (Fortsetzung): Das Kind beruhigt sich, wenn eine Pflegerin es auf den Arm nimmt. Als die Mutter es wieder zurückgeben bzw. dalassen muss, schreit es sofort wieder.
26.7.: Das Kind hat eine Ohrenentzündung mit Ausfluss, der etwas nachlässt.
29.7.: Unter Narkose (Evipan) wird eine Luftfüllung der Hirnkammern gemacht, eine Encephalografie. Dabei wird Hirnwasser abgelassen und durch Luft ersetzt. Der Eingriff verläuft ohne Zwischenfall, danach kommt das Kind auf Station E3.
30.7.: Die Röntgenbilder zeigen erweiterte Hirnkammern. Diagnose: innerer Wasserkopf (Hydrozephalus internus).
3.8.: Die Ohren werden kontrolliert. Das linke Ohr läuft noch stark, das rechte weniger; die Trommelfelle sind noch entzündet.
13.8.: Das linke Ohr sondert weiter stark ab. Die Mutter nimmt das Kind mit nach Hause und will es vorerst selbst pflegen.
(Paraphrasiert)
Die Meldebehörde beantrag und bewilligt am 23.06.1943 die offizielle Ab-bzw. Ummeldung des Kindes nach Kaufbeuren in die Heil- und Pflegeanstalt.
Ilkas Mutter fragt am 05.08.43 per Brief beim Anstaltsdirektor nach ob bei den durchgeführten Untersuchungen eine Diagnose erstellt werden konnte und bittet darum ihr Kind wieder zu sich holen zu dürfen.
Kempten, den 5. Aug. 1943.
An den
Herrn Direktor
der Heil- u. Pflegeanstalt, Kaufbeuren.
Als ich vor 14 Tagen bei Ihnen war, versprachen Sie mir in Bälde Nachricht zu geben, wie es meinem Kinde Ilka geht und was man bei einer evtl. Schädelaufnahme festgestellt hat. Ich bitte nun um gefällige Mitteilung, ob Sie die Schädelaufnahme schon gemacht haben und zu welchem Zwecke das Kind noch länger in der Anstalt bleiben soll. Sollte nicht mehr mit dem Kind unternommen werden, bitte ich darum es holen zu dürfen.
Heil Hitler!
Frau L. Kunrath
Kempten, Spickelstr. 22.
Dr. Faltlhauser informiert die Mutter ebenfalls per Brief über die Diagnose eines schweren inneren Wasserkopfes mit starker Erweiterung der Hirnkammern. Er beschreibt die Zukunftsaussichten von Ilka als "recht ungünstig" und informiert die Mutter darüber, dass keine Möglichkeit zur Behandlung besteht. Er habe aber nichts dagegen einzuwenden, wenn die Mutter ihr Kind wieder aus der Kinderfachabteilung herausnehmen möchte. Am 13.08.43 wird Ilka Nachhause zu ihrer Familie in die "Aussenfürsorge" entlassen.
Nach nur einem Jahr, am 31.08.1944 ordnet der Amtsarzt des Gesundheitsamts Kempten die erneute Aufnahme von Ilka Anmalie Kunrath in die Heil- und Pflegeanstalt wegen „mongoloider Idiotie“ an.
Bereits am nächsten Tag wird Ilka erneut in Begleitung der Mutter und Schwester wieder nach Kaufbeuren gebracht. Zur Sicherstellung der Zahlungen für die Unterbringung wir eine Anzahlung von 60.- RM getätigt.
Nach nur einem Jahr, am 31.08.1944 ordnet der Amtsarzt des Gesundheitsamts Kempten die erneute Aufnahme von Ilka Anmalie Kunrath in die Heil- und Pflegeanstalt wegen „mongoloider Idiotie“ an.
Bereits am nächsten Tag wird Ilka erneut in Begleitung der Mutter und Schwester wieder nach Kaufbeuren gebracht. Zur Sicherstellung der Zahlungen für die Unterbringung wir eine Anzahlung von 60.- RM getätigt.
Die Mutter teilt ihre Beobachtungen zu Ilka:
Kunrath Ilka
Ilka ist tagsüber auf u. hält sich die meiste Zeit im Laufstall auf. Stundenlang sitzt sie in einer Ecke, beschäftigt sich am meisten mit ihrer Zunge, formt ihren Mund, als ob sie etwas sprechen wollte, oft schiebt sie auch die ganze Hand in den Mund. Zum größten Teil ist Ilka ein recht zufriedenes Kind, lacht wenn man ihr zuruft, kann auch einige Worte sprechen wie Mama, Pappa, nur etwas undeutlich. Auch probiert sie im Laufstall aufzustehen, kann einige Schritt laufen, wo sie sich festhalten kann.
Das Kind nimmt nicht viel zu sich, allerdings nur breiige Speisen können ihr beigebracht werden. Sonst muß Ilka ganz u. gar versorgt werden.
In der Krankenakte wird vermerkt, dass Ilka in Größe und Entwicklung altersgerecht sei, aber geistig vollkommen kleinkindlich ist und vollständig versorgt werden muss.
Bereits am 21.09. dokumentieren die Pflegekräfte der Anstalt einen leichten Temperaturanstieg und Blässe. Es wird aufgrund des geröteten Rachens eine leichte Erkältungskrankheit vermutet.
1.9.44: Ilka erneut aufgenommen. Körperlich hat sie sich kaum verändert, Größe und Entwicklung entsprechen ihrem Alter. Geistig kein Fortschritt. Sie liegt meist im Bett, kippt aufgesetzt wieder um und kann weder stehen, laufen noch sprechen. Sie schaut sich um, scheint aber nichts zu verarbeiten und reagiert kaum. Gegenstände fixiert sie nur kurz und greift nicht danach. Sie muss vollständig gepflegt werden und ist inkontinent.
21.9.: Ilka hat seit einigen Tagen leicht erhöhte Temperatur und ist blass. Zunge trocken und belegt, Rachen leicht gerötet. Der Arzt vermutet eine leichte Erkältung.
26.9.: Das Fieber steigt, die Lymphknoten unter dem Kiefer sind beidseitig geschwollen. Auf Mandeln und Gaumensegel liegt ein schmierig-weißer Belag. Ein Rachenabstrich wird eingeschickt. Über der Lunge sind Rasselgeräusche zu hören, seit dem Vortag ist Ilka stark benommen und ihr Herz wird schwächer.
Heute morgen 8:15 Uhr plötzlicher Exitus.
Todesursache laut Akte: Lungenentzündung infolge einer (vermutlich eitrigen) Rachen- und Kehlkopfentzündung, in Klammern „Diphtherie“.
(Paraphrasiert)
Nur fünf Tage später stirbt das Kind, laut Leichenbeschauer um 08.15 Uhr am 26.09.44. Als Todesursache wird eine Lungenentzündung mit Pharyngolaryngitis (Kehlkopf-Rachen-Entzündung) angegeben. Die Mutter wird per Telegramm in nur drei Zeilen über den Tod und den Zeitpunkt der Beisetzung informiert.
Am 28.09. wird in der Krankenakte eingetragen, dass ein Rachenabstrich positiv auf Diphterie getestet wurde. Die Diagnose Diphterie verwendete Dr. Faltlhauser häufig als Euphemismus für die Ermordung der Anstaltsbewohner.
Am 29.09. wird Ilka in einem Armengrab auf dem Anstaltsfriedhof beerdigt. Die Kosten hierfür trägt die Mutter.
Später wird Ilka auf dem Friedhof in Kempten zunächst in einem Kindergrab dann im Familiengrab ihrer Eltern beigesetzt.
Allgemeine Informationen
Für die Tötung von körperlich und geistig behinderten Kindern war der „Reichsausschuss
zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingter schwerer Leiden“ in Berlin
zuständig.
Im Reichsgebiet wurden circa 30 „Kinderfachabteilungen“ eingerichtet. Dorthin wurden
Kinder aus Heil- und Pflegeanstalten, Behinderteneinrichtungen oder direkt von zu Hause gebracht. Wurden die Kinder als sogenannte „Beobachtungsfälle“ eingewiesen, verfasste der
zuständige Leiter der „Kinderfachabteilung“ einen Bericht, anhand dessen die Gutachter des „Reichsausschusses“ entschieden, ob weiter beobachtet oder das Kind „zur Behandlung
freigegeben“ werden sollte.
Am 5. Dezember 1941 wurde in Kaufbeuren eine „Kinderfachabteilung“ eingerichtet. Nach
Aussage Faltlhausers beim Gerichtsprozess 1949, erfolgte die Einweisung sämtlicher Kinder auf direkte Veranlassung des Rechtsausschusses zum Teil unmittelbar zur Tötung, zum Teil zur „Beobachtung“.
Im Reichsgebiet wurden ca. 5.000 Kinder ermordet, allein in Bayern mindestens 695. In
Kaufbeuren und Irsee wurden mindestens 210 Kinder und Jugendliche ermordet, das jüngste
war ein zwei Monate alter Säugling.
(Quelle: https://www.bezirkskliniken-schwaben.de/fileadmin/Daten/PDFs/%C3%9Cber_uns/Historie_Euthanasie_Kaufbeuren/erinnerungsort_bkh_kaufbeuren_stele_5_ns_ermordung_von_kindern.pdf)
Recherche: Christiane Jansen, Kempten